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Keine Schwarz-Weiß-Malerei bei Zucker-Diskussion!

ERNÄHRUNG Blog

Samstag, 3. Juni 2006

Keine Schwarz-Weiß-Malerei bei Zucker-Diskussion!

Geschrieben von MS in Zucker
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Der Buchautor Klaus Oberbeil verwirrt mit Aussagen zu angeblich krank und dick machenden Eigenschaften von Zucker. Kürzlich wärmte er in der Ö3-Radiosendung "Frühstück bei mir" die alte Mär vom Zucker als Vitaminräuber wieder auf und diffamierte die weißen Kristalle als Übeltäter bei der Gewichtszunahme. Beides wurde jedoch von der Wissenschaft längst widerlegt.

Kein "Schwarzer Peter" für den Zucker

Immer wieder taucht er auf - der Irrglaube, dass Zucker ein "Vitamin B1-Räuber" sei. Oberbeil treibt damit schon fast Panikmache. Fakt ist allerdings: nicht nur Zucker, sondern alle Kohlenhydrate brauchen für ihre Verarbeitung im Körper Vitamin B1. Helga Cvitkovich-Steiner, Ernährungswissenschafterin des forum. ernährung heute: "Das bedeutet, dass auch kohlenhydratreiche Lebensmittel wie Nudeln, Brot und Kartoffeln dieses Vitamin als Helfer bei der Verstoffwechslung benötigen - ohne deshalb als Vitamin-Räuber bezeichnet zu werden".


Fakt ist auch, dass die Versorgung mit Vitamin B1 in der Regel ausreichend ist. Das zeigt der Österreichische Ernährungsbericht 2003. In keiner Altersgruppe wurde eine kritische Versorgung mit diesem Vitamin beobachtet. Jene Symptome, die Oberbeil im Interview so plakativ beschreibt - Lustlosigkeit, Nervosität und sogar Depressionen - können Folgen eines echten, klinischen Vitamin B1-Mangels sein, der bei uns aber praktisch nicht vorkommt.

Institutionen wie das Australische National Health and Medical Research Council, die FAO und die deutschsprachigen Ernährungsgesellschaften sehen keinen Anlass, moderaten Zuckerkonsum zu verbieten. Die National Academy of Sciences (US) spricht folgende Empfehlung aus: "Nicht mehr als 25 Prozent der Gesamtenergiezufuhr sollte in Form von zugesetztem Zucker erfolgen."

Diese Limitierung ist de facto keine, da die tatsächliche Aufnahme unter dieser Grenze liegt. Laut dem 2. Österreichischen Ernährungsbericht (2003) liegt der durchschnittliche Zuckerverzehr geschlechts- und altersabhängig zwischen 6 und 19% der Gesamtenergiezufuhr. Der wesentlich strengere - und nicht unumstrittene - WHO-Report (2003) fordert maximal 10% Zucker.

Diese ambitionierte Vorgabe wird von den Erwachsenen im Durchschnitt erfüllt, Kinder und Jugendliche überschreiten dieses Limit zum Teil. Mehrere Autoren und Studien, wie etwa das Forschungsinstitut für Kinderernährung in Dortmund oder die Bogalusa Heart Study geben jedoch Entwarnung: Auch bei hohem Zuckerkonsum ist die Versorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen nicht gefährdet.

Gewichtige Argumente

"Zucker macht dick" - der nächste Anklagepunkt, den Oberbeil vorbringt. Tatsächlich ist Zucker nicht das Grundübel bei der Gewichtszunahme. Im Gegenteil: Die Aufnahme an Zucker ist umgekehrt proportional zum Gewicht. Oder anders gesagt: Jene, die sich zuckerreich ernähren, essen in der Regel weniger Fett und bringen weniger Gewicht auf die Waage. Das belegen epidemiologische Daten.

Zusätzlich ist die Umwandlung von Zucker in Speicherfett für den Körper nicht sehr effizient. Etwa ein Viertel der Zuckerkalorien werden alleine für diesen Umbauvorgang schon aufgewendet. Bei der Umwandlung von Nahrungs- in Speicherfett gehen dagegen nur sieben Prozent verloren.

Bei all seinen Erklärungsversuchen übersieht Oberbeil auch eines: Am Ende ist die Gewichtszunahme ein einfaches Bilanzproblem. Wird mehr Energie zugeführt als verbraucht, wird der Überschuss in Form von Bauch- und Hüftspeck gespeichert. Ob die Kalorien dann vom Schnitzel oder von der Schaumrolle kommen, ist dem Körper egal.

Cvitkovich-Steiner vom forum. ernährung heute: "Wir wissen, dass Kinder und Jugendliche deutlich höhere Zuckermengen aufnehmen, als Erwachsene und ältere Menschen. Wenn man die Essgewohnheiten übergewichtiger und normalgewichtiger Kinder vergleicht, fällt aber vor allem eines auf: Es gibt faktisch keinen Unterschied. Die Kinder haben in erster Linie ein anderes Freizeitverhalten. Das zeigt auf, wie wichtig ausreichende körperliche Bewegung ist."

Auch bei seinen Aussagen zur Insulinausschüttung durch Zuckerkonsum scheint Oberbeil die aktuelle Literatur nicht zu kennen. Glaubte man bislang, dass "komplexe" Kohlenhydrate in Weißbrot, Reis und Kartoffeln den Blutzuckerspiegel langsamer ansteigen lassen als Zucker, so wurde man eines Besseren belehrt. Heute weiß man, dass Zucker den Blutglucosespiegel weniger dramatisch ansteigen lässt, als die genannten Lebensmittel.

Cvitkovich-Steiner: "Selbstverständlich empfiehlt die Ernährungswissenschaft weiterhin bevorzugt nährstoffreiche Lebensmittel wie Obst, Gemüse, Getreide oder fettarme Milchprodukte. Zucker und Süßigkeiten sind Genussmittel, die in moderaten Mengen und mit ruhigem Gewissen aber ebenfalls Platz im Speiseplan haben."

Fazit: Süße Speisen und Getränke durch rigide Vorsätze und schlechtes Gewissen zu stigmatisieren, ist keine Lösung. Die beste Strategie ist eine gesunde Vielfalt am Teller. Dabei ist kein Platz für Schwarz-Weiß-Malerei.

 

Quelle: Pressemeldung von forum. ernährung heute (23.07.2004)
Rückfragehinweis:
forum. ernährung heute
Mag. Helga Cvitkovich-Steiner
t +43.1.712 33 44
m +43.699.118 10 698
hcs@forum-ernaehrung.at


Tags für diesen Artikel: dick, kohlenhydrate, zucker
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